Inzivilität in der politischen Online-Kommunikation: Typen, Ursachen, Wirkungen und Interventionen

Projektbeschreibung

Ansatzpunkt des Vorhabens ist, dass die Potentiale der Online-Kommunikation sehr unterschiedlich genutzt werden – auch in inziviler Weise. Darunter soll ein Verhalten verstanden werden, das intentional gegen grundlegende kommunikative Normen der bürgerschaftlichen Auseinandersetzung verstößt, wie beispielsweise Pöbelei und Be­drohung. Inzivile Kommunikation scheint in Online-Kontexten verstärkt aufzutreten und erweist sich in vielen Kontexten als drängendes Problem – in der Bürgerbeteili­gung, bei öffentlichen Debatten oder bei Diskussionen in politischen Organisationen. Es müssen Wege gefunden werden, um angemessen zu intervenieren, und zwar durch graduell abgestufte und unterschiedlich ausgeprägte Formen der Bewältigung.
Die Leitfrage lautet somit: Wie kann Inzivilität in politischen Diskussionen erkannt, erklärt und bewältigt werden?
Das Verständnis von Inzivilität sollte sich nicht auf schlechte Manieren beschrän­ken, das von Zivilität nicht auf Höflichkeit. Wenn man Zivilität anspruchsvoller be­greift als angemessener Umgang mit Unterschiedlichkeit in bürgerschaftlichen Ausei­nandersetzungen, dann ist Inzivilität der unangemessene Umgang mit Differenz zwi­schen Personen und Positionen, der Kommunikation behindert statt voranbringt. Dies betrifft vor allem den wechselseitigen Respekt der Teilnehmer. Inhaltlich bedeu­tet Zi­vilität, dass Beiträge für das jeweilige Thema relevant sind, Positionen begrün­det und verschiedene Perspektiven akzeptiert werden. In prozessualer Hinsicht bedeutet dies Dialog statt Monolog. Übergreifendes Ziel ist ein forschungsbasiertes Instrumenta­rium, um „robuste Zivili­tät“ (T.G. Ash) wahrscheinlicher zu machen, also eine bürger­schaftliche Kommunika­tion, die Unterschiede aushält. Dieses Instrumentarium soll kontextspezifisch für Ver­antwortliche zur Verfügung stehen. Es zielt weniger auf staatlich-regulative Maßnah­men gegen hate speech oder fake news, sondern auf zivilgesellschaftliche Maßnah­men, etwa Regeln und Instrumente für Community Managerinnen von Plattformen, Redakteure oder PR-Expertinnen.
Daraus ergeben sich vier Untersuchungsschritte, mit denen ein Bogen von der Er­kennung von Inzivilität bis hin zu Intervention gespannt werden kann. (1) Inzivile In­halte und Formen sollen differenziert erkannt und systematisiert werden. Dafür müssen Merkmale von Inzivilität definiert und Typen von Inzivilität gebildet werden. Die Typenbildung erfolgt theoretisch-deduktiv und wird empirisch geprüft, indem ana­lysiert wird, was Beteiligte als inzivil beurteilen. Die Typologie soll die automatische Erkennung mit computationalen Methoden ermöglichen. Umgekehrt erlaubt der Auto­matisierungsprozess, die Typologie zu überprüfen. (2) Inzivilität soll schlüssig erklärt werden: Welche kognitiven, emotionalen, motivationalen und konativen Faktoren hängen mit Inzivilität zusammen? Was zeichnet die kommunikativen Situationen aus, in denen inzivile Beiträge platziert werden? Dies betrifft vor allem die kommunikative Dynamik, aus der heraus Inzivilität zu- oder abnimmt. (3) Inzivilität soll auf ihre Wir­kung hin untersucht werden: Wie nehmen Beteiligte die Urheber von Inzivilität wahr? Wie verändern sich Einstellungen zum jeweiligen Problem und zur Diskussion? Und führt die Beobachtung von Inzivilität zu inzivilem Verhalten? (4) Der Inzivilität soll be­gegnet werden: Es sollen Wege der Bewältigung entwickelt und auf ihre Wirksamkeit hin getestet werden. Dabei kommen technische, regulative und kommunikative Opti­onen für Intervention zum Einsatz. In dem Vorhaben werden komplementäre fachli­che Expertisen der Principal In­vesti­gators kombiniert: Nicole Krämer ermöglicht eine Promotion in Psychologie (Schritt 2 und 3; Arbeitstitel: Psychologische Mechanismen der Ursachen und Wir­kungen von inzivilem Verhalten), Gerhard Vowe ermöglicht eine Promotion in Kom­munikations­wissenschaft (Schritt 1 und 4; Arbeitstitel: Wie kann Zivilität in bürger­schaftlichen De­batten gefördert und Inzivilität gehemmt wer­den?). Die Promovieren­den sollen bei je­dem Schritt eng zusammenarbeiten und je zwei Publikationen mit den BetreuerInnen sowie zwei gemeinsame Publikationen ohne BetreuerInnen ver­fassen und so eine kumulative Promotion anstreben.
Die Viererkette der Untersuchungsschritte von Erkennen bis Bewältigen soll in unter­schiedlichen politisch-kommunikativen Kontexten untersucht werden, und zwar in journalistischen Foren (Kommentarspalten zu journalistischen Beiträgen), in der Bür­gerbeteiligung an kommunalen Entscheidungsprozessen (Budget- oder Verkehrspla­nung), in problemspezifischen Foren (z.B. zu Impfung oder Klimawandel) und in Fo­ren politischer Organisationen (z.B. Parteien oder NGOs). Dabei wird jeweils mit Praxispartnern kooperiert. In einem erweiterten multimethodischen Ansatz werden normative, theoretische, empirische, praktische und technische Zugriffe auf das Thema verknüpft. So folgen aus der empirischen Untersuchung Vorgaben für die Intervention, deren Wirkung wiederum empirisch getestet wird. Insgesamt ergibt sich auf diese Weise eine Spirale aus Erkenntnis und Realisierung. Als empirische Me­thoden kommen Inhaltsana­lyse, Befragungen, Experimente und Simulationen zum Einsatz. So können in Online-Experimenten die Parameter für das Erkennen von In­zivilität variiert werden; in Simulationen kann geprüft werden, wie Grade von Inzivilität den weiteren Diskussi­onsverlauf bestimmen. Die automatisierte Erkennung dient als Test für das Ver­ständnis der Zusammenhänge. Auf diese Weise kann ein dichter Begriff von Inzivilität entwickelt werden, der dann durch Skalenentwicklung evaluiert wird: Was sind aus unterschiedlichen Perspektiven schwer- und was sind leichtwie­gende Normverstöße? Wie unterscheiden sich dabei die Gruppen von Nutzenden?
Das Vorhaben erfüllt die programmati­schen Intentionen des Graduiertenkollegs „Digitale Gesellschaft“. Denn mit den Promotionen wird dazu beigetragen, den digitalen Wandel so zu gestalten, dass de­mokratische Debatten ge­stärkt werden. Inzivilität in der politischen Auseinandersetzung verhin­dert nicht nur sachlichen Diskurs und verstärkt radikale Einstellungen, sondern be­wirkt auch, dass potenziell Beitragende abgehalten wer­den, sich an Dis­kussionen zu beteiligen. Eine Einschränkung von Inzivili­tät trägt folglich dazu bei, dass sich mehr Personen am politischen Diskurs beteiligen. Insofern adressiert das Vorhaben vor allem vier in der Ausschreibung genannte As­pekte: 1) Demokratie im digitalen Umfeld, 2) Digitale Werteordnung; Freiheit der Menschen und Regeln des digitalen Zusammenlebens, 3) Privatheit, Öffentlichkeit und digitale Diskurskultur; Verhalten im Netz; Wirkungen und Gestaltungsperspekti­ven, 4) Medienkompetenz.

 

Tandempromotionsprojekte

Die Promotionsprojekte widmen sich mit komplementären Ansätzen der gemeinsamen Frage „Wie kann Inzivilität in politischen Diskussionen erkannt, erklärt und bewältigt werden?“. Methodisch werden dabei einerseits kommunikationswissenschaftliche Traditionen genutzt (theore­tisch-deduktive Systematisierung von Inzivilität) und kommunikationspraktische An­sätze verfolgt (Expertise bei der Erprobung von Intervention). Andererseits kommen psychologische Rezeptions- und Wirkungsansätze zum Tragen, die in experimental-psychologischen Studien überprüft werden, um die Mechanismen der Entstehung und Wirkung von Inzivilität zu verstehen. Hinzu kommt Expertise, um psychologische Methoden mit computationalem Vorgehen der Infor­matik zu verbinden.

Promotionsprojekt 1:
Kommunikationswissenschaftliche Promotion von Marike Bormann

Arbeitstitel: „Wie kann Zivilität in bürger­schaftlichen De­batten gefördert und Inzivilität gehemmt wer­den?“
Die kommunikationswissenschaftliche Pro­motion untersucht, welche Typen von inzivilem Verhalten unterschieden werden kön­nen und mit welchen Maßnahmen Journalisten, Forumsmanagerinnen oder auch Be­teiligte ziviles Verhalten fördern und inziviles Verhalten wirksam bekämpfen können. Der methodische Schwerpunkt liegt auf der Erkennung und Systematisierung von inzivilen Inhalten und Formen. Die Typenbildung erfolgt theoretisch-deduktiv sowie durch Inhaltsanalysen und wird empirisch geprüft, indem ana­lysiert wird, was Beteiligte als inzivil beurteilen. Die Typologie soll die automatische Erkennung mit computationalen Methoden ermöglichen. Umgekehrt erlaubt der Auto­matisierungsprozess, die Typologie zu überprüfen. Weiterhin sollen Wege der Bewältigung entwickelt und auf ihre Wirksamkeit hin getestet werden. Dabei kommen technische, regulative und kommunikative Opti­onen für Intervention zum Einsatz, die in empirischen Studien auf ihre Wirksamkeit geprüft werden.

Promotionsprojekt 2:
Medienpsychologische Promotion von Jan-Philipp Kluck

Arbeitstitel: „Psychologische Mechanismen der Ursachen und Wir­kungen von inzivilem Verhalten“
Die medienpsychologische Promotion untersucht, durch welche Motive das inzivile Verhalten erklärt werden kann und welche Auswirkungen es auf die Beteiligten hat. Zur Erklärung von inzivilem Verhalten soll analysiert werden, welche kognitiven, emotionalen, motivationalen und konativen Faktoren mit Inzivilität zusammenhängen und was die kommunikativen Situationen auszeichnet, in denen inzivile Beiträge platziert werden. Zusätzlich soll Inzivilität auf ihre Wir­kung hin untersucht werden: Wie nehmen Beteiligte die Urheber von Inzivilität wahr? Wie verändern sich Einstellungen zum jeweiligen Problem und zur Diskussion? Und führt die Beobachtung von Inzivilität zu inzivilem Verhalten? Zur Klärung beider Fragenkomplexe kommen vor allem experimentalpsychologische Studien, aber auch Inhaltsanalysen zum Einsatz.