Nachwuchsforschungsgruppe 6: Digitale Mündigkeit

Projektbeschreibung

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ (Art. 5 Abs.1 Satz 1 Grundgesetz).

Durch die Digitalisierung von Kommunikationsmedien und Social Media hat sich unser Umgang mit Medien dramatisch verändert. Um der Informationsflut im Internet Herr zu werden, setzen digitale Medienanbieter auf Empfehlungssysteme, die Inhalte für Nutzer personalisiert aufbereiten. Erstmalig greifen Algorithmen in den öffentlichen Diskurs ein. Ein befürchteter Effekt im Dreiklang zwischen Nutzern, sozialen Medien und Empfehlungssystemen ist die Filterblase. Sie bewirkt, dass Nutzer nur noch Inhalte sehen, die ihrem Geschmack entsprechen und keinen Zugang mehr zur ungefilterten Meinungsdiversität der Bevölkerung haben. Durch diese informationelle Segregation wird Meinungsbildung nachhaltig beeinflusst (verfärbt, verfälscht, verzerrt) und führt zu Polarisierung von Meinungen. Die Identität der Urheber von Meinungen in sozialen Medien ist für Nutzer nur schwer zu überprüfen. Sogenannte Social Bots sind Computerprogramme im Social Web, die sich als Menschen ausgeben. Der Entwickler entscheidet, wie sich dieses Programm am Diskurs beteiligt, wie häufig, wie nachdringlich und wie ausdauernd. Social Bots werden eingesetzt, um den öffentlichen politischen Diskurs gezielt durch Meinungsmache, Demobilisierung und Propaganda zu beeinflussen. Zensur benötigt nicht länger die Unterdrückung von Meinungsäußerung, Zensur geschieht im Web 2.0 durch Überflutung mit ungewollter und falscher Information – mit Fake News.

Das Projekt Digitale Mündigkeit wird sich mit der Frage beschäftigen, wie der Meinungsbildungsprozess in sozialen Medien in der Interaktion aus Mensch, Empfehlungssystem und Social Bots beschrieben, modelliert und vorhergesagt werden kann. Methodisch wird Agenten-basierte Modellierung eingesetzt, um emergentes Verhalten komplexer Systeme aufgrund individuellen Verhaltens sichtbar zu machen. Es ist ein Werkzeug zum Begreifen nichtlinearer Prozesse, in denen viele Beteiligten gleichzeitig wirken. Für eine phänomenologisch hochwertige Modellierung bedarf es der interdisziplinären Zusammenarbeit und der Kombination soziologischen, psychologischen, kommunikationswissenschaftlichen und informatorischen Wissens.

Im Projekt „Digitale Mündigkeit“ wird die Methodenentwicklung für die Modellierung der hybriden Meinungsbildung maßgeblich vorangetrieben. Das Projekt leistet einen Beitrag zur Sicherung der Demokratie und zur informationelle Selbstbestimmung der Internetnutzer, in dem es ein Werkzeug bietet, Meinungsbildungsprozesse in hybriden sozialen Netzwerken sichtbar zu machen und empfindliche Kipppunkte im öffentlichen Diskurs (anhand von Modellparametern) identifiziert, die in qualitativ andere, demokratiegefährdende Systemzustände führen können (Polarisierung, Extremisierung, Xenophobie, Homophilie).

Für weitere Informationen und Neuigkeiten besuchen Sie uns unter https://digitale-mündigkeit.de/.

 

Beteiligte

Dr. André Calero Valdez, Nachwuchsgruppenleiter:

  • André Calero Valdez ist Senior Researcher am Lehrstuhl für Communication Science und Human-Computer Interaction Center der RWTH Aachen University.
    Er hat an der RWTH Aachen Informatik studiert, mit den Vertiefungsgebieten Software Engineering und Psychologie. Aufgrund seines hervorragenden Studienabschlusses wurde ihm ein Promotionsstipendium durch die RWTH gewährt. In seiner Dissertation beschäftigte sich André mit der nutzerzentrierten Entwicklung und Evaluation eines Small-Screen-Devices für Diabetes Patienten.
    Seit 2013 arbeitet André als Post-Doc an der RWTH Aachen University und befasst sich mit der Schnittstelle von Algorithmen und Menschen in unterschiedlichen Anwendungesbreichen. Er arbeitet in den Bereichen empirische Sozialforschung, Technologie-Akzeptanz, eHeatlh, Industrie 4.0, Empfehlungssysteme, Informationsvisualisierung und soziale Medien.
    Seit 2014 ist André Gastprofessor an der Medizinischen Universität Graz an der HCI-KDD Gruppe bei Herrn Prof. Dr. Andreas Holzinger.

 

Verantwortliche Professorin:

  •  Prof. Dr. Martina Ziefle, RWTH Aachen
    Martina Ziefle ist seit 2008 Professorin für Communication Science und Leiterin der eHealth Forschungsgruppe „Enhancing Mobility with Aging“ am Human Technology Centre der RWTH Aachen University. Martina Ziefle studierte Psychologie an den Universitäten Göttingen und Würzburg. Ihr Studium schloss sie mit Auszeichnung an der Universität Würzburg ab. An der Université Fribourg, Schweiz, promovierte Martina Ziefle mit summa cum laude. An der RWTH Aachen habilitierte sich Martina Ziefle mit einer Arbeit, die sich mit dem Leseprozess an elektronischen Medien befasste. Im Anschluss an die Habilitation übernahm Martina Ziefle eine Stelle als Assistenzprofessorin, zunächst an der Universität Münster, danach an der RWTH Aachen.
    Die Forschungsschwerpunkte von Martina Ziefle liegen in der Schnittstelle zwischen Mensch und Technik, unter Einbezug verschiedener Nutzungskontexte und Nutzeranforderungen. Besonders im sensitiven Bereich der eHealth Technologien spielt User diversity und Technik-Akzeptanz eine entscheidende Rolle. Über Lehr- und Forschungsaufgaben in HumTec hinaus ist Martina Ziefle an einer Reihe drittmittelfinanzierter Projekte öffentlicher und industrieller Geldgeber beteiligt, die sich mit den Themen Kommunikation und Interaktion zwischen Mensch und Technik, Technikakzeptanz und User diversity befassen.